EV-LUTH. KIRCHGEMEINDE "ST. LAURENTIUS"

Elterlein mit Schwarzbach

 

Gedanken zum Monatsspruch Dezember 2022

 

Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern.
Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.

Jesaja 11,6

 

Was wie ein Märchen klingt, ist eine prophetische Vision: Jesaja schreibt auf, was ihm Gott der HERR offenbart hat. Also keine Beschreibung der gegenwärtigen Situation, sondern die Imagination einer anderen Wirklichkeit, welche wir im Moment weder sehen, noch mit unseren begrenzten Möglichkeiten erfassen können. Prophetische Visionen sind einerseits Ausblicke auf die kommenden Möglichkeiten Gottes, und andererseits Erinnerung an sein bereits erfolgtes Handeln, in welchem ER uns seine unbegrenzten Möglichkeiten vorgeführt hat. Die wichtigste Funktion einer prophetischen Vision ist die Vermittlung der Gewissheit, dass nichts in der Welt so bleiben muss wie es ist.

Schief wird es, wenn Menschen auf eigene Faust das Paradies herbeizwingen wollen. Ungezählt sind die Millionen Opfer von religiösem oder politischem Fanatismus. Doch wenn auch der nationale Sozialismus deutscher Machart und der internationale Sozialismus leninscher Prägung Gott sei Dank vorbei und die Hexenverbrennungen in Folge der Nachreformation Geschichte sind, so gibt es immer wieder den Versuch, Lämmer ungeschützt den Wölfen zu überlassen - in der Hoffnung, letztere werden sich mit dem einen gebrachten Opfer begnügen.

Eine friedlichere Welt aber entsteht nicht durch die Preisgabe der Überfallenen an die Raubtiere, sondern erst durch eine Wesensänderung der Beutegreifer. Bis dahin aber müssen die Schwachen vor den Bestien geschützt werden. Frieden entsteht nicht dadurch, dass man nachts die Tür zum Hühnerstall offen lässt. Appeasement (Beschwichtigungs)-Politik füttert das Krokodil in der Hoffnung, dass es einen als Letzten frisst.

Bei Jesaja geht es auch um Politik - wenn auch nur am Anfang. Denn Jesaja ist Prophet und Priester. Richtschnur seines Redens aber sind nicht parteipolitische Überzeugungen oder ideologische Denkansätze, sondern die Weisungen und Gebote Gottes. „Du sollst nicht töten“ - heißt für ihn auch, alles zu tun, um andere am Töten zu hindern und die Schwachen zu schützen. „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deines Nächsten“ - heißt auch: sich den Lügen anderer zu entziehen und sich nicht an deren Verbreitung zu beteiligen. Auch halbe Wahrheiten sind ganze Lügen.

Jesaja weiß sogar, wie seine Vision vom Löwen und Mastvieh miteinander treibenden Knaben umgesetzt werden kann: In der biblischen Lesung der Christvesper heißt es (V 1f): "Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist der HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande ... Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein."

 

Sieghard Löser